Michelle war die erste Person, die ich im Rahmen meiner Pläne für das ortsunabhängige Arbeiten kennengelernt habe. Damals (und „damals“ ist gerade mal ein paar Monate her!) saßen wir zufällig im Kino nebeneinander und schauten uns Pedal the world an, einen Film, in dem Felix Starck dokumentiert, wie er die Welt mit dem Rad bereist hat. Wir sahen den Film am Vorabend der DNX-Konferenz. Zuletzt waren wir gemeinsam mit rund 20 anderen Leuten im Surf Camp in Lissabon – und haben von dort aus gearbeitet. Michelle hat ihre Pläne umgesetzt: die Wohnung gekündigt, den Job aufgegeben und raus in die Welt. Wurde also mal Zeit für ein Interview mit Michelle. Hier ist es:

Und du so?

Hi, ich bin Michelle, 24 Jahre alt und seit Juli 2015 ortsunabhängig selbständig. Ich betreibe einen WordPress Support-Service mit Blog.

Erzähl mal genauer: Wie sieht deine Arbeit aus?

Ich unterstütze Blogger bei allen Aufgaben und Fragen rund um WordPress, z. B. bei Fehlern, Problemen, auf der Suche nach Plugins, bei Änderungswünschen oder einfach der technischen Administration wie Backups und Updates. Das Besondere an meinem Angebot ist das einfache Flatrate-Prinzip, d. h., dass ich zum Fixpreis so oft wie nötig helfe. Außerdem überprüfe ich die allgemeinen Einstellungen der Webseite und mache ggf. Optimierungsvorschläge.

Dazu kommt dann noch das Bloggen über WordPress und das Marketing für meine Seite und meinen Service.

Was hast du vorher gemacht? Und wann bzw. warum kam der Punkt, an dem alles anders werden sollte?

Vorher habe ich drei Jahre lang als festangestellte Software-Entwicklerin bei myToys.de (für die schuhverrückten Frauen also auch: mirapodo.de) gearbeitet. Der Job hat mir viel Spaß gemacht und ich habe unglaublich viel gelernt. Mit der Zeit kam trotzdem ein ungutes Gefühl auf, weil es einfach so unflexibel war. Immer an denselben Schreibtisch zu müssen, auch wenn es mir mal morgens nicht so gut ging. Nach Hause zu gehen, auch wenn ich gerade im Flow war. Warum muss ein Arbeitstag bitte ausgerechnet 8 Stunden haben und in einem Büro stattfinden?

Die Idee zum digitalen Nomadentum kam, wie bei so vielen anderen auch, durch das Buch „4-Hour Workweek“ von Tim Ferris (Deutsche Ausgabe: „Die 4-Stunden-Woche“). Inspiriert davon, fragte ich damals sogar meinen Chef, ob ich remote arbeiten kann. Die Antwort war: Nein. Das Gespräch ist jetzt etwa 2 Jahre her. Ich hatte es schon fast vergessen und habe einfach weitergemacht wie bisher. Das ortsunabhängige Arbeiten erschien mir eine Utopie, im überschwänglichen amerikansichen Stil verkauft. Lange habe ich von diesem Lifestyle geträumt und mich gefragt, mit welcher Leidenschaft ich selbst ein Business starten könnte (völlig falscher Ansatz, wie ich heute finde). Auf all den Frust folgte die Trennung nach einer langjährigen Beziehung und eine persönlich sehr schwere Zeit für mich.

Etwa zu dieser Zeit kamen dann Feli von Travelicia und Conni von Planet Backpack in mein virtuelles Leben. Ich habe es zunehmend für möglich gehalten, so etwas auch zu starten. Als dann die erste DNX stattfand dachte mir: Wow, es gibt auch in Deutschland eine Bewegung dazu und andere, die das auch wollen – und sogar manche, die es erfolgreich vorleben.

Ende 2014 habe ich mir schließlich fünf Monate Urlaub von meinem Job genommen, um zu reisen und mich intensiv mit der ortsunabhängigen Selbständigkeit auseinanderzusetzen. Aus Angst, noch nicht so weit zu sein, habe ich mich drei Monate vor Ende dann doch noch nicht für die fristgerechte Kündigung entschieden. Stattdessen kam ich Anfang Februar also zurück in meinen Job. Es war auch ganz in Ordnung – ich habe mich gefreut, meine Kollegen wiederzusehen und die Arbeit hat meistens Spaß gemacht. Ich war glücklich, wieder zu Hause zu sein.

Doch schon nach wenigen Wochen kamen die Fragen zurück: Das kann doch nicht alles sein? Ob das wirklich möglich wäre? Ob ich es schaffen kann? Und da ist mir bewusst geworden, dass es niemals einen besseren Zeitpunkt geben würde als jetzt. Denn wenn ich mich jetzt nicht traue, würde ich es wohl nie tun. Und – bevor ich mich versehe – dastehen mit Eigentumswohnungskredit, Kind oder Katze – jedenfalls zu bequem und abhängig, um den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.

Ich habe es kaum übers Herz gebracht, aber dann doch am letzten Arbeitstag im März meine Kündigung ausgesprochen. Ich habe gezittert in diesem Gespräch. Was man denn tun könne, um mich doch zum Bleiben zu überzeugen? Ich: Remote arbeiten. Bis in die Geschäftsführeretage ist die Diskussion gegangen, doch die Antwort lautete: Nein, sowas machen wir hier nicht. Leider versperrt sich diese Firma komplett dagegen. Selbst ein Tag im Homeoffice ist dort schon eine enorme Ausnahme. Dabei sind die technischen Voraussetzungen da und auch der alltägliche Arbeitsfluss würde ortsunabhängig funktionieren. Ganz ehrlich liebe IT-getriebenen Firmen: Ihr merkt doch, dass es schwieriger wird, gute Entwickler zu finden, oder? Geht doch etwas mehr auf sie zu, es geht ja oft nicht mal um Geld.

Du hast also deine Sachen gepackt, deine Zelte abgebrochen und bist los in die Welt. Warum reisen, warum das digitale Nomadentum?

Ganz ehrlich? Ich wollte es ausprobieren. Ich wollte frei und unabhängig sein und erleben wie es ist, keine Wohnung zu haben, keinen Mietvertrag, keine feste Verpflichtung. Von einem Ort zum nächsten zu hoppen, ohne „zurück“ zu müssen. Die ultimative Flexibilität.

Also habe ich meine Wohnung Ende August aufgegeben, alles verkauft bis auf drei Umzugskartons und zwei Gitarren. Jetzt reise ich mit einem 38-Liter-Rucksack, wohne in AirBnB-Apartments und erledige meine komplette Arbeit und Administration online.

Digitaler Nomade – das klingt wie Urlaub und Arbeit verbinden. Ist das so?

Im Moment fühlt es sich eher an, als würde ich nie wieder Urlaub haben. Ich arbeite quasi immer, jeden Tag und ohne Feierabend. Mittlerweile versuche ich mir bewusst Auszeiten zu nehmen und um 20 Uhr Feierabend zu machen (bis ich dann um 21 Uhr eine Idee habe und doch noch daran werkeln will …). Es ist also eher der Urlaub zur Arbeit geworden und nicht andersherum.

Dafür kann ich an schönen, abwechslungsreichen Orten auf der ganzen Welt leben und arbeiten. Und eigentlich geht es mir nicht darum weniger zu arbeiten. Ich möchte, dass meine Arbeit mich so erfüllt, dass sie ein vollwertiger Teil meines Lebens ist. Diesem Gefühl bin ich jetzt schon ein ganzes Stückchen näher. Früher habe ich mich hingegen oft gefühlt, als würde mein eigenes Leben erst nach Feierabend beginnen.

Michelle arbeitet auf La Gomera

Arbeiten auf La Gomera: Michelle wartet für so eine Aussicht nicht mehr auf den Urlaub. | © Michelle Retzlaff

Gibt es die berühmte Schattenseite der Medaille? Ging irgendwas schief?

Yup, es ist unglaublich anstrengend und ich musste erstmal mit dieser neuen Situation klarkommen. Gerade am Anfang hatte ich vor allem an der vollkommenen rechtlichen und wirtschaftlichen Verantwortung für mein Handeln zu knabbern – während mir im Job immer jemand gesagt hat, welches das nächste Projekt ist und den Schaden zur Not das Unternehmen getragen hat.

Und ich glaube, mit tiefgründigen sozialen Kontakten wird es noch schwieriger als sowieso schon. Ich vermisse schon jetzt meine Freunde und meine Zuhause-Stadt (Berlin) und werde in Zukunft definitiv mehr Zeit dort einplanen.

Hat sich seitdem deine Sicht auf die Dinge geändert?

Ich fühle mich mehr im Leben, ich warte nicht mehr auf den Feierabend, das Wochenende oder den Urlaub. Ich kann im Jetzt sein. Ich fühle mich stärker verbunden mit mir selbst, auch wenn da noch viel Luft nach oben ist.

Am Abend vor meiner Kündigung habe ich mich hingesetzt und die Gründe für meine Entscheidung aufgeschrieben. Um mich notfalls später daran zu erinnern, was mich zu dieser Entscheidung gebracht hat, die ich sicher an irgendeinem Punkt bezweifeln (hoffentlich aber nie bereuen) werde. Ausschlaggebend war damals die Ortsunabhängigkeit, nicht die Selbständigkeit! Mittlerweile ist es eher andersrum. Ich könnte mir vorstellen, wieder einen festen Lebensmittelpunkt zu haben, aber die Selbständigkeit, die zeitliche Freiheit, die würde ich nur noch im äußersten Notfall wieder hergeben!

Was sagen Familie und Freunde zu deiner Entscheidung, in die Welt zu ziehen?

Ich glaube, meine Eltern nehmen es noch nicht so richtig ernst und vermuten, dass ich in ein paar Monaten wieder im Angestelltenjob in Berlin sitze, vermutlich sogar im alten. Aber nein!
Meine Freunde haben mich auf dem Weg immer bestärkt und verfolgen jetzt glaube ich mit Spannung, wie es läuft.

Es hilft außerdem enorm, sich mit gleichgesinnten Menschen, also anderen Online-Unternehmern und digitalen Nomaden zu vernetzen und bei jeder Gelegenheit zu treffen. Umso mehr bemühe ich mich, mein soziales Netz vorrangig in diese Richtung zu erweitern.

Denkst du, jeder kann diesen Schritt wagen?

Hm, nein. Ich glaube, diesen Schritt muss man von ganzem Herzen wollen, sonst hat es keinen Sinn. Es geht um Prioritäten, und wenn die einfach anders liegen, z. B. bei Familie und Karriere, dann wird es nicht klappen und wäre wertlos. Wer es aber wirklich will und bereit ist, dafür anderes aufzugeben, kann es schaffen, davon bin ich überzeugt.

Was würdest du jemandem raten, der sagt: Krass. Das mach ich auch!

So würde ich es angehen: Zum einen den Schritt wohl überlegt vorbereiten. Dazu gehören z. B. Ersparnisse für ca. 1 Jahr, aber auch die Wahl eines Themenbereichs und Geschäftskonzepts (oder eben freiberufliche Auftragsarbeit). Dabei geht es nicht darum, die perfekte Leidenschaft zu finden, sondern viel mehr darum, den ersten Schritt zu wagen.

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind: Bloß nicht zu lange warten, sondern den Sprung ins kalte Wasser wagen! Wenn es einfach wäre, würde es schließlich jeder machen. Auf harte Zeiten einstellen (mit einer gehörigen Portion Optimismus, Selbstironie und Selbstvertrauen) und die Reise – vor allem die im übertragenen Sinne – genießen und mit all ihren Höhen und Tiefen annehmen.

Wohin geht es bei dir in nächster Zeit, wo trifft man dich an?

Im Moment bin ich auf La Gomera, einer der Kanarischen Inseln. Besonders gespannt bin ich auf einen Monat in Marokko. Danach freue ich mich darauf, den Monat rund um Weihnachten in Europa zu verbringen. Mitte Januar geht es dann – fast schon klischeehaft für eine neue digitale Nomadin – nach Thailand. Dank des neuen 6-Monats-Visums bestimmt für mehrere Monate!

Neben den Reiseplänen steht natürlich das Voranbringen meines Business an oberster Stelle. Zudem besinne ich mich gerade wieder mehr auf meinen Körper und mein Wohlbefinden und nehme mir wieder mehr Zeit für Yoga, Sport und gesunde Ernährung – ohne das kann ich einfach nicht glücklich sein.

Wie erreicht man dich?

Mein Hauptprojekt, also mein WordPress Support Service ist hootproof.de und zu erreichen bin ich auch am besten über michelle[at]hootproof.de.

Wer sich mehr für das Leben als digitale Nomadin interessiert, ist herzlich eingeladen auf meinem persönlichen Blog ameliasjourney.de vorbei zu sehen. Dort schreibe ich darüber, wie es sich anfühlt, digitale Nomadin zu sein und wie ich es ganz praktisch organisiere.

KONTAKT ZU MICHELLE

Webseite: hootproof.de
Blog: michelleretzlaff.com