Manchmal interviewt man Menschen, die dann zu Freunden werden. Manchmal ist es andersrum. Mike kenne ich, seit ich ihm in der Berliner „Neue Heimat“ ein Bier über die Füße gekippt habe. Wir fanden uns gegenseitig ganz witzig, wurden Reisekumpanen und sind mit unserer Dritten im Bunde, Anja, nicht nur vollzählig, sondern auch unschlagbar.
Mike arbeitet ortsunabhängig und wenn er sich meldet, hängt er wirklich jedes Mal in einem anderen Land rum. Der Bayer macht „irgendwas mit WordPress“ – was genau, dass erzählt er euch besser selber! 

Und du so?

Ich bin Mike aus München, selbständiger Webdesigner – und mich hat das Reisefieber gepackt. Heute verknüpfe ich das Reisen mit dem Arbeiten. Seit Kurzem biete ich Optimierungen und Lösungen für häufige Probleme mit WordPress-Webseiten an.

Erklär mal genauer: Was ist dein Business?

Durch viele Gespräche mit WordPress-Webseitenbetreibern habe ich gemerkt, dass viele die gleichen Probleme haben. Die Ladezeit ist zu hoch, die Webseite ist offline, weil sie gehackt wurde oder etwas anderes schief gelaufen ist, sie wird bei Google nicht gut gelistet und so weiter. Daraufhin habe ich Services erstellt, um genau diese Probleme zu lösen und meine Kunden mit dem „technischen Kram“ unter die Arme zu greifen.

Heute kann man diese Optimierungen einfach auf meiner Webseite bestellen. Neben einigen weiteren Services rund um WordPress-Webseiten biete ich auch ein Starter-Paket an, in dem viele meiner Optimierungen bereits von Beginn an enthalten sind.

Bald wird es auch ein Partnerprogramm geben, bei welchem ausgewählte Partner ihre Services rund um Webseiten anbieten. So kann der Kunde z. B. seine Logos, Social-Media-Kampagnen, Textkorrekturen, AdWords-Kampagnen und vieles mehr einfach über den Onlineshop bestellen.

Wann hast du beschlossen, dich selbständig zu machen – und viel wichtiger: Warum?

Ich hatte schon in der Schule den Traum mich selbständig zu machen. Und ich hatte das große Glück, dass ich in der Lagerraumvermietung meines Vaters in München zunächst arbeiten – und dann die Firma übernehmen konnte. Das war der Start meiner Selbständigkeit.

Allerdings war es dann doch mehr mein Traum, eine eigene Idee zu haben, diese umzusetzen und so meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich bin aus der LagerRent GmbH dann wieder ausgestiegen – eben weil ich etwas Neues starten wollte und neue Herausforderungen brauchte. Heute führt mein Bruder das Unternehmen.

Mit zwei guten Freunden habe ich dann eine neue Firma gegründet. Wir entwickelten die Online-Rechnungssoftware invoice+. Mit dieser Software kann man seine Kunden und Produkte verwalten, von Angebot bis zur Rechnung alles online erstellen, versenden und vieles mehr. Nebenbei haben wir Webseiten für Kunden erstellt.

Nach eineinhalb Jahren bin ich auch hier wieder ausgestiegen, weil es für mich mehr zu einem Angestelltenverhältnis wurde. Die Selbständigkeit rückte mehr und mehr in den Hintergrund. Wir arbeiten aber auch heute noch auch an anderen Projekten zusammen.

Nach dem Ausstieg bei invoice+ bin ich das erste Mal auf Reisen gegangen. Aus drei Monaten wurden am Ende 15 Monate. Die Idee auf Reisen zu arbeiten kam beim letzten Stopp meiner Reise. Und es war noch nicht einmal meine eigene Idee …

Ich bin in Fiji tauchen gegangen und habe mich etwas mit der Tauchlehrerin unterhalten. Sie fragte mich, was ich denn beruflich zuhause gemacht hatte. Ihre Augen wurden ganz groß, als ich sagte: „Webdesign.“ Sie fragte direkt: „Kannst du mir eine neue Webseite für unser Resort machen?“, und meine Antwort war natürlich: „Klar mache ich!“

Am nächsten Tag bin ich wieder zum Tauchen mitgekommen und eine andere Tauchlehrerin hatte wohl von unserem Gespräch erfahren. Sie fragte mich ganz locker: „Warum reist du nicht rum und baust Webseiten von unterwegs?“ Ich weiß nicht mehr, was ich darauf gesagt hatte. Ich glaube gar nichts. Ich glaube, ich habe sie einfach nur angestarrt. Das klang wie ein Traum!

Auf der DNX im Mai 2015 (einen Monat nachdem ich wieder zu Hause war) habe ich dann Anita kennengelernt (Anmerkung der Redaktion: Neue Heimat, Bier auf Schuhe) und wir sind mittlerweile mega gute Freunde geworden. Wir haben einen Test auf Gran Canaria gemacht, ob das wirklich funktioniert, das ortsunabhängige Arbeiten. Kann man unterwegs genug verdienen, um alles zu finanzieren? Die Antwort am Ende war: Ja!

Die dreisten Drei in Lissabon: Anja, Anita, Mike | © irgendeiner von uns

Die dreisten Drei in Lissabon: Anja, Anita, Mike | © irgendeiner von uns

Du bist ständig irgendwo in der Welt unterwegs: Was bedeutet das für die Beziehungen zu Familie und Freunden? Kann man die aufrechterhalten?

Ich bin zwar viel unterwegs, aber ich komme auch immer wieder nach Hause. Zuhause ist es ja auch schön. Meine Freunde sind klasse! Wenn ich nach Hause komme, ist es immer so, als wäre ich nie weg gewesen.

Meine Oma hat es zuerst nicht so richtig verstanden, warum ich immer wieder weg bin – bis ich ihr ein Fotoalbum zum Geburtstag geschickt habe. Sie hat es verstanden, als sie sah, wie glücklich mich das alles macht.

Und auch meine Mutter und mein Bruder unterstützen mich bei meinen Reisen, wo sie können. Zum Beispiel ist mein Reisepass auf meiner langen Reise abgelaufen. Ich brauchte einen Neuen, sonst hätte ich heimkommen müssen. Dafür brauchte ich aber wiederum meine Geburtsurkunde, die ich irgendwo zwischen meinen Sachen zu Hause hatte. Die beiden haben dann alles durchwühlt und sie mir zugesendet. So konnte ich doch noch einige Monate dranhängen.

Ach ja: Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke gibt es nur noch, wenn sie zum Reisen sinnvoll sind. So gab es z. B. einen neuen Reiserucksack, eine Action-Cam und alles, was mir sonst zum Reisen noch gefehlt hat.

Ist Neid ein Thema? Oder sind Freundschaften kaputt gegangen, weil du nie da bist?

Freundschaften sind keine kaputtgegangen. Wenn ich wieder zuhause bin, ist es immer so, als wäre ich nie weg gewesen. Meine freunde sprechen mich oft auf meine Fotos bei Facebook an. Meistens in der Art: „Mike, du bist ein Ar***! Aber du machst es richtig und ich freu mich für dich.“
Sie reden also trotzdem noch mit mir!

Allerdings ist es zur Zeit so, dass ich zwar viel herumreise, dafür aber keinen reinen Urlaub mehr mache. Wenn ich also mit Freunden ins Warme fahre, muss ich mich trotzdem ein paar Stunden ausklinken und vor den Rechner setzen, um meine Kunden zufriedenzustellen.

Was liebst du an deinem Leben?

Die Freiheit, arbeiten zu können von wo ich will. Eine gute Freundin aus Rio hat mir letztens erst wieder vor Augen geführt, dass ich mich in einem Bereich auskenne, in welchem ich die größte Freiheit genießen darf. Und sie hat so Recht. Alles was ich brauche sind Laptop und Internet. Manchmal brauche ich sogar nicht einmal Internet wie jetzt gerade. Ich sitze im Bus von Wien nach München und schreibe die Antworten für dieses Interview.

Hand aufs Herz und ganz ehrlich: Was nervt an deiner Art Lifestyle?

Oft lerne ich auf Reisen Leute kennen, mit denen ich nur oberflächlich rede. Man sieht sich ein paar Tage und dann geht jeder wieder seinen eigenen Weg. Und es sind immer die gleichen Gesprächsthemen und Fragen, die man sich stellt. Ich könnte eine Sprachaufnahme machen, die ich dann einfach abspiele.

Anfang des Jahres bin ich zu schnell gereist, weil ich viele Freunde besucht habe. Ich war innerhalb von drei Wochen in vier Ländern und fünf Städten. Es war eine supertolle Zeit! Aber es war auch sehr stressig, weil ich mit den Freunden viel unternehmen und die Umgebung sehen wollte, aber gleichzeitig viel Arbeit hatte. Für dieses Jahr habe ich mir deshalb vorgenommen, länger an einem Ort zu bleiben, diesen wirklich kennenzulernen und mehr Zeit mit Freunden zu verbringen.

Ein weiteres Manko: Ich habe nie wirklich Urlaub und kann nicht mehr komplett abschalten. Ich habe meinen Laptop immer dabei – und damit also auch immer meine Arbeit im Rucksack. Aber ich denke, das geht jedem Selbständigen so, ob auf Reisen oder nicht.

Ich bin oft auf der Suche nach gutem Internet. Wenn ich im Hostel bin, ist das Internet meist sehr langsam. Hotels sind auf Dauer viel zu teuer. Also weiche ich fürs Arbeiten auf Cafés aus. Je nach Ort hat aber wiederum nicht jedes Café Internet … und so kann die Suche auch etwas länger dauern.

DNX-Camp in Brasilien

DNX-Camp in Brasilien

Was würdest du anderen raten, die sich in deinem Feld selbständig machen wollen?

Such dir dein Spezialgebiet. Du kannst nicht Webdesign, SEO, Social-Media-Marketing, Grafikdesign, Texten usw. gleichzeitig professionell anbieten. Das ist zu viel. Suche dir einen Bereich und werde der Experte dafür. Und suche dir gute Partner, die in den anderen Bereichen fit sind. Sage auch deinen Kunden, wenn ein Spezialgebiet aufkommt, in dem du dich nicht auskennst, und du deshalb einen Partner ranholen musst. Sie werden deine Ehrlichkeit schätzen.

Wenn du mit Partnern zusammenarbeitest, kannst du deinem Kunden die beste Qualität bieten. Deswegen arbeite ich auch mit Anita zusammen. Ich kann designen und den technischen Kram, aber gute Texte erstellt sie für mich und meine Kunden. Oder glaubst du dieses Interview wurde nicht von ihr aufpoliert? (Anmerkung der Redaktion: Erwischt.)

Wo wird man dich 2016 antreffen?

Puh, bisher habe ich noch nichts Fixes geplant. Anfang Mai sind wir auf der DNX in Berlin. Da freu ich mich schon wieder drauf. (Anmerkung der Redaktion: Da ich hier ja eh schon immer mitrede – ich halte auf dieser Veranstaltung einen Text-Workshop. Wer mag, der komme.)

Ich habe mittlerweile so viele Leute getroffen, die überall unterwegs sind, und von ihnen habe ich viele Tipps bekommen. Das Schöne ist, dass ich relativ spontan sein kann. Also mal sehen, wo es beim nächsten Mal hingeht. Eine Idee für diesen Sommer wäre eine Europatour mit dem Fahrrad und Freunde besuchen, die ich während der Reisen kennengelernt habe. Mal sehen, ob das was wird.

Kontakt zu Mike

Webseite: mike.miler.de
E-Mail: mike[at]miler.de
Facebook: Mike Miler