Mischa. Was schreib ich da jetzt? Getroffen habe ich ihn noch nie – aber seine gute Freundin Nima, die ich auch schon für undduso.com gelöchert habe. So kamen wir in E-Mail-Kontakt, verdusselten das wieder und zuletzt hat es doch geklappt. Mischa betreibt den Blog Adios Angst, Bonjour Leben – und berichtet dort über ein Thema, das auch mir so sehr bekannt ist, dass ich sein „Über mich“ mit wenigen Pinselstrichen direkt übernehmen könnte. Aber schaut selbst – oder lest erstmal die wirklich tollen Antworten auf meine Fragen sowie Mischas Tipps zur Achtsamkeit. Bitteschön:

Und du so?

Mischa, 43, stolzer Allgäuer mit Hang zu ausgedehnten VW-Bus-Touren. 4-facher Sieger bei der Quiznight Kempten im Künstlercafe mit seinem Team „Currywurst mit Pommes Sieben Euro Zwanzig“ und Siegtorschütze beim Fußballspiel 3. Klasse (wir) gegen 4. Klasse (die) 1982 in der Grundschule Pforzen. Ach und Geld verdiene ich so als freier Journalist, Texter und ähnlich gelagerten Aufträgen.

Was ist adios-angst.de?

Adios Angst – Bonjour Leben macht Mut, macht Freude und macht ganz schön viel Arbeit. In dem Blog geht es um meinen Weg heraus aus der Depression und langjährigen Angsterkrankung. Und um den Mut zu nötigen Veränderungen, Freude am Leben, Entdeckergeist, Abenteuerlust und meine Ansichten zur positiven Lebensführung und unserer kranken Konsum- und Arbeitswelt.

Was hast du vorher gemacht, eigentlich gelernt?

Das Wichtigste, was ich in der 6. Klasse gelernt habe, war, dass man mit einer festen Zahnspange keinen Vorlesewettbewerb gewinnen kann. Ansonsten habe ich noch ziemlich viele unnütze Dinge über Betriebs- und Volkwirtschaftslehre in einigen partyreichen Jahren an der Uni gelernt. Später dann, wie man Zeitungsartikel schreibt und Zeitungsseiten layoutet. Damit war ich ein Jahrzehnt lang gut beschäftigt. Nach meinem gesundheitlichen Zusammenbruch und der Kündigung habe ich den vergangenen 3 Jahren mehr über mich, das Leben und die nötigen Fähigkeiten im (Online-)Business gelernt als in den 40 Jahren zuvor insgesamt.

Mischa am Strand, Sonnenuntergang im Hintergrund

Ein Texter dort wo’s am schönsten ist … | © Mischa Miltenberger

Wie bist du darauf gekommen, das Thema Angst zu einem Blog zu machen?

Wie heißt es so schön: Mach deine Leidenschaft zum Beruf! Nach mehr als 20 Jahren mit immer wiederkehrenden schweren Panikattacken lag es nahe, dass ich über meine große Leidenschaft Angst schreibe. Vor allem, weil ich bei meinem Klinikaufenthalt 2013 so viel Gutes gelernt habe, dass ich unbedingt etwas davon weitergeben wollte. Die erste Idee, nur einen privaten Reiseblog über meine VW-Bus-Tour 2014 zu schreiben, wurde schnell verworfen. Schließlich wollte ich die Botschaft rüberbringen: Wenn ein diplomierter Hasenfuß wie ich den Aus- und Aufbruch schafft, dann kann das jeder schaffen.

Hattest du Zweifel, ob es gut ist, deine persönlichen Probleme so zu offenbaren und darüber zu sprechen?

Nein, niemals!

Okay, das war gelogen. Eine gewisse Unsicherheit war nach meinem Klinikaufenthalt da, wie ich den Menschen „da draußen“ begegnen soll und was ich ihnen verraten darf. Nachdem ich aber in der Zeit dort gelernt hatte, wie wohltuend meine neue, gnadenlose Offenheit ist, lautete der Entschluss: Knüppelharte Ehrlichkeit, ob’s die Leute hören wollen oder nicht. Mir tut’s gut, die Reaktionen darauf waren und sind bombastisch. In diesem Artikel habe ich ausführlich darüber berichtet, wie schön das Nackigmachen für mich ist.

Du bist „aus dem System gefallen“. Und jetzt? Womit verdienst du dein Geld?

Den Großteil meiner Einnahmen beziehe ich aus meiner freiberuflichen Tätigkeit als Journalist, Texter und Autor sowie Dingen, die im weitesten Sinn damit zu tun haben. Allerdings habe ich gerade vor Kurzem einen famosen Start als Online-Unternehmer hingelegt und meine ersten 65 Cent an gewerblichen Einnahmen eingestrichen. Mark Zuckerberg kann sich langsam warm anziehen.

Wie schafft man es, aus der Angstfalle herauszukommen?

Hört sich immer doof an, ist aber so: Indem man die Angst akzeptiert und nicht mehr davonläuft. Wenn ich mich ständig von der Angst bedroht fühle und vor ihr flüchte, dann entwickelt sich ein Wettrennen, dass ich niemals gewinnen kann. Erst, wenn ich stehen bleibe, die Angst begrüße und sage „Ich finde es nicht gerade cool, dass du da bist, aber es stört mich nicht und ich mach jetzt trotzdem mein Ding“, habe ich die Chance auf Besserung.

Um dahin zu kommen, war es für mich in der Therapie ganz wichtig, an tiefsitzende Wut und Schamgefühle zu kommen und die endlich ans Tageslicht zu bringen. Das hat mich von vielen Zwängen und Fesseln befreit.

Dann wie schon vorher erwähnt die Tatsache, dass ich meine Angst nicht mehr vor anderen versteckt habe, sondern sie maximal öffentlich transportiere.

Und drittens, dass ich mich regelmäßig neuen und möglicherweise furchteinflößenden Dingen (in Wirklichkeit ist es eigentlich nur Aufregung) stelle. Denn nach jeder bestandenen Herausforderung wachse ich ein Stück weiter und mir kann die Angst weniger anhaben. Und, das gilt aber nicht nur für das Thema Angst: Es ist unerlässlich, sich alle Bereiche seines Lebens gnadenlos konsequent anzuschauen und immer bereit zu sein, auch schmerzhafte Veränderungen einzuläuten.

Begegnest du Vorbehalten, wenn Menschen über psychische Probleme sprechen?

Ehrlich gesagt nein. Manche sagen zwar, dass sie sich einfach nicht vorstellen können, was bei so einer Panikattacke im Körper abläuft. Trotzdem finden sie meine Erzählungen spannend und sind froh, dass jemand offen drüber redet. Denn jeder, wirklich jeder, hat jemandem im direkten Familien-, Freundes-, Bekannten- oder Kollegenkreis, der betroffen ist. Deshalb lechzen auch die Außenstehenden nach Informationen und Tipps, wie sie mit den Betroffenen umgehen sollen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Herrje, jetzt wird’s aber intim. An dieser Stelle müssen wir das Interview leider abbrechen. Vielen Dank und einen schönen Abend noch.

Ne, im Ernst: Ich kann mir gefühlt ein Dutzend Lebensmodelle, Wohnorte und Businessideen vorstellen, denen es sich nachzugehen lohnt. Absolute Nummer 1 meiner Träume: Ich leite ein Yoga- / Surfcamp in Andalusien oder Portugal mit angestellten Lehrern. Tagsüber habe ich genug Zeit, Bücher zu schreiben, mich um meinen Blog zu kümmern und zu surfen. Abends koche ich für die ganze Bande und wir trinken ein leckeres Superbock am Lagerfeuer.

Ansonsten bin ich einfach glücklich, dass ich mir ermöglicht habe, ortsunabhängig zu arbeiten und diese Freiheit regelmäßig nutze. Am Horizont sehe ich eine Handvoll spannender Projekte. Ich lass mich überraschen, welches den Weg zu mir findet. Mir mittelfristig mit passivem Einkommen ein zweites Standbein zum Freelancen aufzubauen, ist natürlich ein großes Ziel. Ich gehe mal davon aus, dass mir das gelingen wird.

Mischa am Campingtisch, Landschaft im Hintergrund

Mischa unterwegs | © Mischa Miltenberger

Was sind deine drei besten Tipps zur Achtsamkeit mit sich selbst?

1. Akzeptiere oder lerne, dass es tatsächlich ein Leben ohne Smartphone, Laptop, Tablet, Fernseher und Radio gibt. Wer zulässt, zum Sklaven all dieser technischen Geräte zu werden und dabei noch glaubt, dass dieses Verhalten ganz normal ist, weil es ja alle tun, der zahlt über kurz oder lang eine teure Rechnung dafür. Auch für mich ist es eine tägliche Herausforderung, mein Nutzungsverhalten immer wieder zu hinterfragen und ganz bewusst „Stopp!“ zu sagen.

2. Die damit entstehenden Freiräume lassen sich für meine Lieblings-Achtsamkeitsübung nutzen: einfach nur atmen. Es gibt nichts Beruhigenderes als tiefe Bauchatmung. Wenn ich das bewusste Atmen in ruhigen Phasen immer wieder praktiziere, dann lässt es sich auch an Tagen anwenden, wenn sich die Welt gefühlt überschlägt und alles daneben zu laufen scheint.

3. Mach jeden Tag einen Termin mit dir selbst. Völlig egal, ob das die 30 Minuten Yoga am Morgen, der Mittagsschlaf, der Saunabesuch, der Spaziergang am See oder eine Stunde Musikhören mit Kopfhörer sind. Diese Zeit gehört nur dir und ist genauso wichtig wie jeder geschäftliche Termin. Halte dir die Dates mit dir selbst konsequent frei und sag konsequent Nein, wenn jemand anders dich ausgerechnet in dieser Zeit beanspruchen will.

Kontakt zu Mischa

Blog: www.adios-angst.de
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