Ich traf Joe auf einer Konferenz: der DNX. Das ist eine Konferenz, auf der sich ortsunabhängig arbeitende Menschen treffen, sogenannte „Digitale Nomaden“. Dort spielte er vor versammeltem Publikum auf seinem Klavier. Das hat mich gepackt – und ich wollte mehr wissen. Kurz darauf gab er mir ein Interview. Wer Joe ist und was er genau macht, erzählt er jetzt.

Und du so?

Ich bin Joe Löhrmann von My Traveling Piano und ich reise seit drei Jahren mit meinem Klavier durch die Welt.

Durch die Welt reisen mit dem Klavier – wie hast du das angestellt?

Anfangs hatte ich weder einen Plan, wie ich das genau machen sollte, noch einen Bulli, noch ein Klavier. Nur ein Ziel: Ausschließlich von meiner Musik leben zu können.

Zuerst habe ich mir einen Riesen-Wälzer über Suchmaschinenoptimierung durchgelesen. Dann habe ich meine Internetseite optimiert. Ich hatte mich vorher immer gewundert, dass ich über meine Webseite keine Jobs als Pianist bekam. Es lag einfach daran, dass meine Seite nicht gefunden wurde. Ich habe mich also zuerst darum gekümmert, dass ich relativ weit oben bei Google erscheine. Und dann kamen auch die ersten Buchungsanfragen.

Als dann genug Anfragen reinkamen, habe ich meinen richtigen Traum umgesetzt: Ein „echtes“  Klavier in meinem Bulli mitnehmen. Zusammen mit meinem Vater habe ich also ein Klavier auf Rädern gebaut – im Prinzip eine fahrende Plattform, auf der das Klavier befestigt ist.

In welchen Ländern warst du schon unterwegs?

Bisher bin ich größtenteils in Deutschland und Europa unterwegs gewesen. Vor eineinhalb Jahren war ich auf einer kleinen Insel im Süden von Thailand. Da konnte ich mein richtig großes Klavier allerdings nicht mitnehmen. Es wiegt 250 Kilo und das kann man nicht mal eben so ins Flugzeug schieben. Ich habe mir dort auf dem Festland ein E-Piano gekauft und es mit einem Fischerboot auf die Insel gebracht. Das war quasi eine kleine Version von My Traveling Piano.

Auf der Insel bin ich zwei Monate geblieben. Dort habe ich einfach nur komponiert. Herausgekommen sind zehn eigene Stücke, die alle auf meinem neuen Album „Follow The Sun“ zu finden sind. Diese CD voller Herzblut kann man auch auf meiner Homepage bestellen.

Follow The Sun – ist das dein Motto?

Ja – und zwar für mein ganzes Projekt, weil ich für meine Straßenkonzerte unter freiem Himmel immer dem guten Wetter hinterherreise.
Seit ich mit dem Klavier herumreise, bin ich der absolute Wetterfrosch. Ich kann dir ziemlich genau sagen, wie das Wetter die nächsten Tage wird. Ich habe drei verschiedene Wetter-Apps auf dem Handy, mit denen ich alles genau beobachte.

Deswegen ist es relativ wahrscheinlich, dass es in der Stadt, in der ich spiele, weder regnen noch schneien wird. Kommt das schlechte Wetter aus dem Westen, dann fahre ich Richtung Osten – oder umgekehrt. Das ist total spontan. Und wenn es dann doch mal regnet, habe ich eine Plane dabei.

Wie setzen sich deine Einnahmen zusammen?

Das ist im Bereich der Straßenkunst immer sehr wechselhaft und nie konstant zu sagen. Es ist der schönste, aber nicht unbedingt immer der einfachste Beruf, den ich bisher gemacht habe und damit muss man auch umgehen können.

Grundsätzlich habe ich Einnahmen aus meinen Straßenkonzerten über Spenden für meine Musik (Hutgeld und CD’s), die allerdings sehr schwankend sind, und ich spiele auch auf Stadtfesten, Festivals oder anderen Events. Außerdem kann man meine CDs über meinen Online-Shop auf meiner Homepage bestellen.

Joe Loehrmann am Klavier in einer Fußgängerzone

© Joe Löhrmann / My Traveling Piano

Macht man relevante Einnahmen über den „Hut“?

Relevant ist ja sehr relativ, das kommt auch auf den Lebenstil an. Ich glaube, wenn man wirklich nur davon leben wollen würde, könnte man das. Man müsste dann aber wirklich jeden Tag ein paar Stunden spielen gehen. Natürlich geben Leute, wenn Sie etwas nach Hause mitnehmen können – eine CD in dem Fall – eine etwas größere Spende.

Problem ist: Es ist nicht immer erlaubt, sich einfach irgendwo hinzustellen und zu spielen. Viele Städte stellen sich da ganz schön an. Man muss sich oft herumärgern mit Polizei, Ordnungsamt usw. – und diese Auseinandersetzungen sind oft sehr unangenehm. Da braucht man ein dickes Fell.

Wird man von denen verjagt?

Kommt drauf an in welcher Stadt, wann und wo man spielt. Jede Stadt hat andere Regeln.

Meist muss man sich vorab Genehmigungen holen. Das ist gar nicht so einfach, wie man denkt. Man muss sie oft lange im Voraus beantragen oder sogar vorher hingehen und vorspielen wie in München. Manchmal muss man sich schon nachts um drei vor das zuständige Büro stellen, damit man um 9 Uhr der Erste ist, der eine Genehmigung bekommt – weil beispielsweise nur 5 am Tag ausgegeben werden. Es gibt da wirklich ätzende Regelungen. Auch das ist eine Herausforderung im Bereich der Straßenkunst.

Und wenn man ohne Genehmigung spielt?

Dann kann es Strafen geben. In Heidelberg musste ich mal 120 Euro zahlen. In Berlin können die Strafen richtig saftig sein. Gestern habe ich mit einem Musiker am Brandenburger Tor gesprochen, der zuletzt eine Strafe von über 1 000 € zahlen musste. Bei solchen Geldstrafen für Musik läuft richtig was schief in unserer Gesellschaft – davon bin ich fest überzeugt. Da wird den Musikern das Leben richtig schwer gemacht und eine Bereicherung für die Städte wird unterbunden.

Dabei ist es doch eigentlich so, dass die allermeisten Leute die Musik genießen, wenn es gute Musik ist. Dass uns da von der Politik so viele Steine in den Weg gelegt werden, ist mehr als schade.

Was hast du vor My Traveling Piano gemacht?

Nach der Schule erstmal Zivildienst in Frankreich, dann eine kaufmännische Ausbildung bei BMW. Nach der Ausbildung war mir allerdings klar: Das will ich definitiv nicht machen. Ich wusste allerdings auch noch nicht ganz genau, was ich stattdessen machen will. Mir war noch nicht klar, dass ich mit Musik auch wirklich Geld verdienen kann – zumindest nicht mit der Musik, die ich gerne mag.

Nach der Ausbildung habe ich dann erstmal eine Weltreise gemacht. Dabei kam ich zum ersten Mal so richtig auf die Idee, meine beiden größten Leidenschaften zu verbinden: das Klavierspielen und das Reisen.

Trotzdem habe ich nach meiner Rückkehr dann erst noch studiert: Internationales Tourismusmanagement. Während des Studiums habe ich dann immer mehr Musik gemacht und mir auch damit das Studium finanziert. Irgendwann war mir dann klar, dass ich mich voll und ganz auf die Musik konzentrieren möchte. Dann gab es kein zurück mehr! Seitdem genieße ich es, meinen Traum zu leben und mache täglich das, was ich am meisten liebe.

Zu der Zeit, als wir das Traveling Piano gebaut haben, war das Studium noch nicht ganz abgeschlossen. Ich habe es dann trotzdem beendet – aber ob ich es jemals brauchen werde, bezweifle ich eigentlich.

Was haben deine Freunde und Eltern zu deinem Plan gesagt?

Es gab wirklich viele Leute, die das alles gleich toll fanden. Es gab aber auch viele Leute, die nicht geglaubt haben, dass ich das wirklich durchziehe. Einige davon habe ich jetzt mal wiedergesehen. Die meinten dann: „Respekt, dass du das gemacht hast! Vor ein paar Jahren war es nur ein Traum und jetzt lebst du davon.“

Auch habe ich liebe Menschen, die mir helfen und meine Eltern standen immer total hinter mir. Da bin ich auch sehr dankbar für. Man ist zwar erwachsen und schon längere Zeit aus dem Haus raus – aber gerade, wenn man eine gute Bindung zu seinen Eltern hat, ist deren Meinung wichtig. Und es ist dann schwer, wenn sie anders denken. Meine Mutter ist allerdings schon froh, dass ich das Studium abgeschlossen habe. :-)

Ist auf dem Weg von der Festanstellung bis zum Traveling Piano irgendwas schief gegangen?

Das gab’s eigentlich nicht. Es war mein Traum, ich habe mein ganzes Herzblut reingesteckt und ich glaube, deswegen hat es auch geklappt. Ich bin überzeugt: Wenn man so richtig das Verlangen danach spürt, eine Idee umzusetzen und die sich schon gut anfühlt, wenn man nur darüber nachdenkt, dann sollte man genau das einfach machen. Egal, was es ist und egal, was die anderen sagen.

Kein Abschluss und keine Elternmeinung kann eine Leidenschaft aufwiegen. Wenn man für etwas so brennt, dann hat man ungeahnte und fast grenzenlose Kräfte, das irgendwie auch durch- und umzusetzen.

Was würdest du also jemandem raten, der z. B. einen Kontrabass hat und ebenfalls losreisen möchte?

Machen!

Das Traveling Piano steht und fährt – was kommt jetzt?

Eine Weltreise mit dem Klavier. Ich habe schon eine ohne gemacht, aber jetzt soll das richtige Piano mit.
Das ist aber alles nicht so einfach. Es gibt viele Zollvorschriften, dann die Strecken übers Meer – mit einem Bus auch nicht ganz einfach. Aber vielleicht auch nicht unmöglich.

Deshalb bin ich auch zur Zeit auf der Suche nach einem Partner, der mich unterstützt. Eine Art Organisator, z. B. eine Fluggesellschaft, die sagt: „Ja, finden wir super, wir helfen dir.“ Wer das also liest und sich angesprochen fühlt oder Interesse hat: Ich freue mich über eine Kontaktaufnahme.

Wo kann man dich bis dahin live sehen?

Das Ankündigen ist schwer, weil ich sehr spontan plane und oft erst morgens überlege, wo es hingeht. Wenn ich es weiß, dann poste ich es auf meiner Facebook-Seite – entweder am gleichen Tag oder ein bis maximal zwei Tage vorher. Wer also beim nächsten Straßenkonzert live dabei sein möchte, kann mir einfach auf Facebook folgen und wird direkt informiert.

Kontakt zu Joe Löhrmann:

Webseite: www.mytravelingpiano.com
Facebook: MyTravelingPiano – Pianist Joe Löhrmann