Eines Abends fand ich mich auf meiner Couch ein, um die zweite Folge der Sendung „Schulz & Böhmermann“ zu schauen. Zu Gast war Nora Tschirner, die erst lange gar nicht zu Wort kam und dann immerzu von zusammenbrechenden Stühlen unterbrochen wurde. Was jedoch trotz Chaos-Talk deutlich zu vernehmen war: Sie unterstützt aus vollem Herzen ein paar junge Menschen, die als „Perspective Daily“ den Journalismus verändern möchten. Und zwar weg von Karacho-Schlagzeilen hin zu konstruktivem Journalismus, der Zusammenhänge erklärt und Lösungen anbietet. Das lies mich erst aufhorchen und danach meinen Laptop aufklappen. Wenn jemand was „anders“ macht, klingelt die undduso-Glocke – und ich habe die Damen und Herren einmal angeschrieben. So kam es zu diesem Interview. Viel Spaß beim Lesen!

Und ihr so?

Wir sind Maren Urner, Han Langeslag und Bernhard Eickenberg, die drei Gründer von Perspective Daily. Wir arbeiten seit dem Frühjahr 2015 daran, das Projekt über eine Crowdfunding-Kampagne zu starten – mittlerweile mit einem wunderbaren Team von mehr als 20 Helfern.

Was ist Perspective Daily?

Perspective Daily soll das erste konstruktive, lösungsorientierte und gleichzeitig werbefreie Online-Medium in Deutschland werden. Mit anderen Worten: Es bietet Journalismus, der nicht nur über Probleme spricht, sondern der auch fragt: Wie kann es weitergehen?
Wir wollen mit Perspective Daily zeigen, dass gegen die großen Probleme unserer Gesellschaft etwas getan werden kann. Wir wollen zu positiven gesellschaftlichen Veränderungen anregen. Und wir wollen, dass die Menschen endlich die Meldungen verstehen, die sie täglich in den Nachrichten hören – durch anschauliche Berichte über Hintergründe und Zusammenhänge.

Was bedeutet konstruktiver, lösungsorientierter Journalismus?

Lösungsorientiert ist vermutlich recht leicht zu verstehen – es geht darum, nicht nur über Probleme zu reden, sondern auch Lösungen zu diskutieren. Um einerseits zu zeigen, dass es Handlungsmöglichkeiten gibt, andererseits aber auch diese zu hinterfragen – denn oft werden uns ja Lösungen angeboten, die eigentlich keine sind. Wichtig: Wir wollen keine Werbung für Einzellösungen machen. Uns geht es um die gesellschaftliche Diskussion über Lösungen.

Das „konstruktiv“ kann man am besten verstehen, wenn man den Vergleich mit „konstruktivem Feedback“ zieht. Es geht darum, nicht nur zu sagen, was schief läuft, sondern auch, was gut war. Und zu allem, was schlecht läuft, Verbesserungsvorschläge zu machen, denn meckern allein hilft niemandem weiter.

Die wenigstens wissen zum Beispiel, dass die Menschheit insgesamt noch nie so sicher, gesund und wohlhabend war wie jetzt – und das nicht nur im Mittelmaß. Die Kriminalitätsrate in Deutschland war seit 2000 nie so gering wie heute. Es gab in der ganzen Geschichte der Menschheit nie weniger Kriegstote oder Mordopfer (als Anteil an der Gesamtbevölkerung gemessen). Auch das muss erwähnt werden, ansonsten wird unser Weltbild zu pessimistisch. Was Umfragen zufolge bei den meisten Menschen ohnehin schon der Fall ist.

Warum legt ihr Wert auf „keine Werbung“?

Weil ein Geschäftsmodell, das auf Werbung basiert, immer ein Interesse daran hat, möglichst viele Leser auf Beiträge zu locken, die mit wenig Ressourcen angefertigt wurden. Das führt zu kurzen Recherchezeiten, Clickbait-Überschriften und einer Skandalisierung von Ereignissen. Das ist das genaue Gegenteil unseres Konzepts.

Natürlich gibt es andere Werbe-Modelle, zum Beispiel „Native Advertising“. Das ist Werbung, die aussieht wie normale redaktionelle Inhalte und auch zwischen den Nachrichten auftaucht. Sie ist durch kleine Wörter wie „Anzeige“ als Werbung gekennzeichnet, wird von vielen aber nicht als solche erkannt. Solche Modelle sind für uns keine Alternative, da sie in unseren Augen das Vertrauen des Lesers in das Medium missbrauchen.

Die Gründer von Perspective Daily an einem Tisch.

Die Perspective Daily-Gründer (von links): Bernhard Eickenberg, Maren Urner, Han Langeslag | © Marvin Kronsbein

Warum jetzt?

Weil die Menschen langsam einsehen, dass guter Journalismus im Netz auch Geld kosten muss. Und weil man die Folgen der vorwiegend negativen Berichterstattung spürt. Studien haben gezeigt, dass ein Übermaß an Negativnachrichten bei vielen zu Stress, Pessimismus, Zynismus, Hoffnungslosigkeit und Passivität führt. Immer mehr Menschen wenden sich von den Medien ab, obwohl es wichtiger als je zuvor ist, die großen Zusammenhänge zu verstehen und sich aktiv für gesellschaftliche Verbesserungen einzusetzen.

Ihr sagt, dass die Welt „mehr zu bieten hat als reißerische Schlagzeilen, Skandalmeldungen und Berichte über Einzelereignisse“. Wie wählt ihr eure Storys aus?

Wir achten ganz allgemein darauf, dass unsere Themen das Kriterium der „Zukunftsrelevanz“ erfüllen. Das heißt, sie sollen den Lesern Informationen geben, die es ihnen ermöglichen, für sich und andere eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Das heißt, Berichte über Flugzeugunglücke oder politische Skandale wird man bei uns nicht finden. Dafür eher etwas zu Themen wie Flüchtlingskrise, Klimawandel, Weltwirtschaft oder Work-Life-Balance.

Welche Themen wir im Detail behandeln, hängt aber auch stark von unseren Autoren und unseren Mitgliedern ab. Von unseren Autoren, weil jeder Autor fest bestimmten Themen zugeordnet ist. Das führt zu einem besseren Verständnis von Hintergründen und Zusammenhängen. Von unseren Mitgliedern, weil wir einen engen Austausch zwischen Mitgliedern und Redaktion fördern wollen. Das heißt nicht, dass die Mitglieder demokratisch über jedes Thema abstimmen, aber wir werden sehr auf Themenvorschläge oder den Wunsch nach einer Themenvertiefung eingehen.

Ihr habt eine Menge prominenter Unterstützer. Wie habt ihr das hinbekommen?

Wir haben eine überzeugende Idee. Das war die Hauptzutat. Dann noch ein wenig Kontaktfreudigkeit, Überzeugungskraft und Beharrlichkeit und wir hatten unsere Unterstützer an Bord. Den großen Teil der öffentlich bekannten Gesichter wie Klaas, Olli und Mehmet haben wir aber über Nora gewonnen. Sie war von dem Konzept hinter Perspective Daily so begeistert, dass sie voll eingestiegen ist. Die genauen Gründe verrät sie übrigens bei uns auch in einem Interview.

Angenommen, ich bin Journalist und möchte bei euch mitmachen. Geht das? Und wenn ja, wie?

Einfach eine Mail an post[at]perspective-daily.de schicken, Lebenslauf, Zeugnisse, Motivationsschreiben und vor allem Arbeitsproben anhängen und darauf warten, dass wir uns melden. Was während der Kampagne ein paar Tage länger dauern kann ;-)

Wichtig ist uns, dass die Bewerber sowohl Fachmenschen als auch Autoren sind – sie sollten also idealerweise Erfahrungen in wissenschaftlicher Arbeitsweise UND journalistischem Schreiben haben.

Angenommen, ich bin kein Journalist, möchte aber trotzdem dabei helfen, Perspective Daily zum Laufen zu kriegen. Wie?

Die offensichtlichste Möglichkeit wäre die der Mitgliedschaft. Wir suchen aktuell 12.000 Menschen, die Perspective Daily durch einen Jahresbeitrag von 42 € möglich machen. Nach unseren bisherigen Erfahrungen sind wir sicher, es gibt deutlich mehr Menschen in Deutschland, die unsere Form des Journalismus unterstützen wollen – wir müssen sie nur erreichen. Und auch dabei kann man uns gerne unterstützen: Anderen Menschen von Perspective Daily erzählen, Aufrufe in Facebook oder Twitter posten, Interessierte per Rundmail oder Telefonkette auf uns aufmerksam machen oder uns Kontakte zu Medien wie Radio, Fernsehen, Zeitungen oder Blogs verschaffen – jede Hilfe ist willkommen!

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Dass wir Perspective Daily starten können und es in den nächsten Jahren weiter wächst. Wir würden uns wünschen, dass Perspective Daily die deutsche Stimme des Konstruktiven Journalismus wird – und wir mit unserer Berichterstattung helfen, die Gesellschaft voran zu bringen.

Wenn jetzt jemand denkt: Man, toll, ich will die Leute kontaktieren. Wie macht er das?

Am besten über Facebook: Perspective Daily
oder Twitter: @PDmedien
Bei längeren Anfragen auch gerne via E-Mail: post[at]perspective-daily.de

Wer uns persönlich kennen lernen will, kann auf einem unserer Tourevents vorbeischauen, wo wir live mit dem Publikum über Perspective Daily, Medien und Konstruktiven Journalismus diskutieren.