Pierre-Philippe kommt aus dem französischen Teil Kanadas. Er lebt jetzt seit sechs Monaten als digitaler Nomade. Ich traf ihn, als ich mich selbst arbeitend auf Gran Canaria befand. Wir waren also zur selben Zeit im Surf Office von Peter und Hana. Mit Pierre-Philippe habe ich meine allerallererste Surfstunde zusammen gemacht. Er ist mein Lieblingskanadier – und natürlich möchte ich ihn euch vorstellen! Per Skype – Pierre-Philippe in Rumänien, ich in Berlin – habe ich ihn gefragt, wie sein Leben so wurde, wie es jetzt ist. Wir haben lange geredet, es gibt also viel zu lesen! Viel Spaß dabei! :)

Und du so?

Mein Name ist Pierre-Philippe Emond. Seit ungefähr sechs Monaten bin ich als digitaler Nomade unterwegs. Meine Reisen finanziere ich mit meiner Arbeit als PHP-Entwickler – ich mache hauptsächlich Backend, aber auch Frontend. Ich habe eine Firma in Montreal für Webentwicklung, meine Kunden kommen hauptsächlich aus Kanada und den USA.

Was hast du vorher gemacht?

Die letzten vier bis fünf Jahre habe ich in meiner eigenen Firma in Montreal gearbeitet. Letztes Jahr entschied ich, dass ich den Sprung wagen könnte. Die Arbeit für meine Kunden muss nicht von Montreal aus passieren – ich muss also nicht dort sein, um genug Geld zum Leben zu verdienen. Einer meiner größten Auftraggeber ist in Kalifornien, USA. Alles, was ich hier arbeite, war schon immer irgendwie „nomadig“ – weil alles per Skype und Telefon passierte, niemals persönlich, bis auf ein oder zwei Treffen.

Was hast du gelernt?

Etwas komplett anderes. Ich habe Filmproduktion studiert. Ich habe ein riesiges Interesse an Filmen. Ich besuchte eine Schule, bei der es sehr schwer war, aufgenommen zu werden. Aber ich habe es geschafft und machte Filme mit 16-mm-Kameras.

Zur gleichen Zeit arbeitete ich mit Freunden an einer Webseite. Wir drehten humoristische Filme für Leute in Québec, wo ich herkomme. So lernte ich PHP – komplett eigenständig, über ein Projekt, an dem ich sehr großes Interesse hatte.

Als ich meine Firma gründete, war die erste Dienstleistung noch Videoproduktion. Webentwicklung kam erst später dazu. Hauptsächlich, weil es sehr schwer ist, mit Videoproduktion Geld zu verdienen. Ich finde, das ist mit Webentwicklung sehr viel einfacher. Videoproduktion erfordert große Ausgaben, zum Beispiel für das Equipment. In Montreal ist die Konkurrenz unglaublich groß, die Preise werden dadurch gedrückt und die staatliche Unterstützung schrumpft.

Das waren Gründe, die mich zu dem Punkt brachten, an dem ich entschied, hier einen Wechsel vorzunehmen. Vor vier, fünf Jahren habe ich noch zu 50 Prozent Videoproduktion und zu 50 Prozent Webentwicklung angeboten. Jetzt ist es nur noch Web.

Vermisst du die Videoproduktion?

Manchmal. Was daran Spaß macht, ist, dass du nicht so viel vorm Computer sitzt, es sei denn, du machst die Videobearbeitung. Es macht einfach Spaß, einen Van zu mieten, das Equipment zu verstauen … wenn du Regie führst, geht es viel um zwischenmenschliche Beziehungen. Das vermisse ich manchmal, weil das Programmieren nur im eigenen Kopf passiert, es sehr logisch ist.

Wenn du weiter als Filmemacher arbeiten würdest, könntest du auch als digitaler Nomade leben?

Es wäre sehr viel härter. Jemand, der als Filmemacher arbeitet und gleichzeitig digitaler Nomade sein will, hat vor allem zwei Schwierigkeiten. Erstens: Normalerweise musst du da sein, wo deine Auftraggeber sind. Zweitens: Selbst wenn du nur Videobearbeitungen machst – das Problem ist die Größe der Dateien. Man kann schlecht eben mal schnell Terabyte-große Dateien hin- und herschieben. Es ist definitiv alles möglich, aber es definitiv auch sehr viel schwieriger.

Pierre-Philippe am Hafen

Immer unterwegs | © Pierre-Philippe Emond

Mal weg von der Videoproduktion: Ist Webentwicklung etwas, dass du gerne tust – oder ist es „nur“ Arbeit?

Nein, ich mag es gerne. Ich denke, ich hätte ein Problem damit, wenn ich es als Angestellter tun müsste. Für jemand anderes in einer Firma, die jemand anderem gehört – dann würde ich es vielleicht nicht so sehr mögen wie jetzt. Aber weil ich weiß, dass es meine Auftraggeber sind, meine Projekte, in die ich wirklich viel investiere, ist es für mich gut.

Was das Großartige am Programmieren ist, ist die Menge an Freiheit, die es dir verschafft – die ist riesig. Ich denke, es ist wirklich der beste Job, um sich diesen Lebensstil zu ermöglichen. Es gibt sicher auch andere, aber dieser ist wirklich einfach.

Also bereust du es nicht, kein Filmemacher mehr zu sein?

Nein.

Warum hast du dich dazu entschieden, digitaler Nomade zu werden – deine Heimat zu verlassen, deine Freunde, deine Familie?

Bei mir begann all das mit einer Trennung nach einer vierjährigen Beziehung. Das war sehr hart für mich, denn es traf mich unerwartet. Zu dieser Zeit fragte ich mich, was ich eigentlich machen will, ob mir mein Lebensstil eigentlich gefällt. Sechs Monate nach der Trennung von meiner Freundin wurde ich dann auf die digitalen Nomaden aufmerksam, über all die Blogs und Webseiten.

Es kam ein Abend, an dem ich nicht besonders gut drauf war. Mein Mitbewohner gab eine Party, auf die ich keine Lust hatte, und so saß ich in meinem Zimmer – und ich glaube, ich gab bei Google die Worte „coding around the world“ ein. Ich fand einen Haufen Webseiten und las die ganze Nacht. Noch in derselben Nacht buchte ich eine Woche Aufenthalt in Mexiko, einfach um zu testen, ob ich in der Lage bin, von woanders zu arbeiten. Ich buchte also, eine Woche später war ich dort und als ich wiederkam, sagte ich: „Ok, das werde ich machen!“

Drei Monate später hatte ich alles verkauft, was ich besaß, hatte keine Wohnung mehr und ging komplett „all in“. Nur meine persönlichsten Dinge kamen in einen Karton und lagern jetzt bei meinen Eltern.

Was haben deine Eltern und Freunde zu dieser Entscheidung gesagt?

Meine Eltern haben sich für mich gefreut, hatten natürlich aber auch ein bisschen Angst. Manche meiner Freunde verstanden es nicht, manche verstanden es und wurden neidisch. Man muss mit ein bisschen Neid rechnen.

Einer meiner Freunde sagte mir: „Du machst das, was ich mein ganzes Leben machen wollte. Genieß es! Und mach mich neidisch – wenn du etwas auf Facebook postest, dann geh sicher, dass ich am anderen Ende sitze und richtig neidisch auf dich bin!“

Nach sechs Monaten – wie ist der Kontakt zu Freunden und Familie inzwischen?

Mit den meisten spreche ich über Skype oder auf Facebook. Mit meiner Familie skype ich jede Woche. Sie wissen um all meine Pläne, was ich machen will oder wo ich als nächstes hingehe.

Ich plane, nächsten Sommer einen Monat zurück nach Hause zu gehen, das genaue Datum weiß ich aber noch nicht. Ich denke, nach einem Jahr wird es anders sein, weil ich mich bestimmt sehr verändert haben werde. Wie ich dann bin, darauf bin ich sehr neugierig.

Wenn es soweit ist und ich in Montreal ankomme, werde ich sofort das Ticket für meine zweite Runde buchen. Ich möchte nicht hängen bleiben und mir immer sagen können: „Das Ticket ist bereits gebucht.“ Ich möchte damit weitermachen, wenigstens zwei Jahre, wenn nicht mehr. Im Moment sehe ich keinen Grund, warum ich diesen Lebensstil beenden sollte. Man trifft so tolle Menschen, es ist einfach zu großartig.

Wie uns! :)

Ja genau – meine „german friends“. Es ist gut, ein so großes Netzwerk mit Menschen auf der ganzen Welt aufzubauen.

Berlin auf der DNX Global

Wiedersehen in Berlin: Pierre-Philippe und ich auf der DNX Global | © Pierre-Philippe Emond

Erzähl mal, was ist dein erstes Fazit vom digitalen Nomadentum. Immer ein gutes Leben oder gibt es Schwierigkeiten, die du nicht erwartet hast?

Ich denke, es ist schon so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich war nur nicht sicher, wie gut ich in diesem Lebensstil zurechtkomme. Es ist eine Herausforderung. Für mich war immer klar, dass das keine Party wird. Ich versuche mir auch jetzt eine ähnliche Routine wie vorher aufzubauen:

Ich melde mich dort, wo ich bin, in Fitness-Studios an, ich arbeite fünf Tage die Woche, manchmal sechs – hier verändert sich nicht viel. Die Schwierigkeit ist, zum Beispiel in Rumänien anzukommen und absolut nichts zu verstehen. An einem bestimmten Punkt muss man Leute kennenlernen. Das kann schwierig sein.

Man muss in der Lage sein, für eine bestimmte Anzahl an Tagen allein sein zu können. Manchmal bist du umgeben von Leuten, manchmal bist du allein und hast niemanden um dich herum. Jedenfalls ist das so, wenn du nicht der super-soziale Mensch bist, dich auf einen Platz stellst und sofort anfängst zu reden. :) Das ist ein schönes Talent, wenn man es hat – aber nicht jeder hat es.

Wo bist du jetzt gerade, wo fährst du noch hin – und wo warst du schon?

Ich bin gerade in Rumänien angekommen. Mein Plan ist, mir in den nächsten Tagen ein Auto zu mieten und Transsilvanien zu erkunden. Als nächstes geht es in die Slowakei, danach nach Asien. Aber das ist noch nicht durchgeplant – da sind so viele Länder, die ich besuchen möchte: Malaysia, Thailand, Singapur, Indonesien, Vietnam, die Philippinen, Südkorea, Laos, Kambodscha. Irgendwann muss man sich entscheiden, wohin es geht.

Vor Rumänien war ich in Kroatien, davor in Berlin, davor Gran Canaria. Vor Gran Canaria war ich auf Sizilien.

Wie lange planst du im Voraus

Je weniger ich im Voraus plane, desto mehr Erfahrungen mache ich. Meine Route ist immer sehr „last minute“, ich kenne mein nächstes Ziel, aber weniger alles, was danach kommt. Das muss man auch nicht. Umstände können sich extrem schnell ändern.

Was war dein Lieblingsort bisher?

Die kroatischen Inseln. Du mietest ein Apartment, einen Roller und fährst einfach überall dahin, wo du möchtest. Die kroatischen Inseln sind sehr, sehr schön. Das hat mit der Natur und der Vegetation zu tun. Gran Canaria war sehr trocken, fast eine Wüste – in Kroatien gibt es so viel Natur. Ein wirklich schönes Land.

Wie reagieren neue Auftraggeber, wenn du sagst, dass du von überall auf der Welt aus arbeitest?

Ich erzähle ihnen diese „Wahrheit über mich“, aber ich sage ihnen auch, dass ich eine in Montreal ansässige Firma führe, in der ich auch Leute habe. Bei Meetings kann ich am Telefon für das technische Backup „anwesend“ sein.

Es gibt immer Mittel und Wege. Es gibt viele Auftraggeber, denen ist es egal, wo ich bin. Manche wiederum brauchen mehr als nur telefonischen Kontakt. Für diesen Fall kann man Leute anstellen, die die Meetings machen – obwohl du dann derjenige bist, der das Projekt bearbeitet.

Es gibt da wirklich viele Möglichkeiten. Es gibt auch Auftraggeber, für die ich seit Jahren arbeite, die aber gar nicht wissen, wo ich gerade bin. Sie rufen mich an, mein Telefon funktioniert, das ist alles.

Kannst du dir vorstellen, eines Tages wieder angestellt zu sein?

Das würde wirklich hart werden. Ich denke, ich kann dahingehend nicht rehabilitiert werden. :)
Zumindest würde das sehr schwer werden.

Pierre-Philippe, Korcula-Archipel, Kroatien

Korcula-Archipel, Kroatien| © Pierre-Philippe Emond

Denkst du, jeder kann dieses Leben führen? Oder braucht man dazu eine bestimmte Art von Persönlichkeit?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, digitale Nomaden können jede Art von Persönlichkeit haben. Aber es ist auch wahr, dass die meisten, die ich treffe, wirklich unabhängige Personen sind. Ich würde sagen sie sind … nicht unbedingt „einsam“ … aber es ist so, dass sie nicht wirklich immerzu viele Leute um sich brauchen.

Sicherlich gibt es digitale Nomaden, die komplett anders sind. Ich sage auch nicht, dass alle so sind – ich habe nur bemerkt, dass viele, die ich treffe, doch sehr unabhängige Personen sind, denen es nichts ausmacht, auch mal für eine Weile ganz allein zu sein.

Ich denke, es ist sehr wichtig zu wissen – wenn man diesen Lebensstil wählt – dass das keine einzige große Party ist, dass es auch einsame Zeiten gibt. Du musst dich dir selbst ohne Freunde um dich herum vorstellen können. Auch mal ein paar Tage ohne großartig mit anderen zu sprechen, außer vielleicht bei einer Bestellung im Restaurant. Es gibt Zeiten ohne wirkliche Beziehungen um dich herum.

Außerdem braucht es eine ordentliche Portion Disziplin. Es kann hart sein, sich zum Arbeiten zu zwingen, wenn da ein Strand neben dir ist oder die Möglichkeit zu surfen, wie auf Gran Canaria. Disziplin ist also wichtig.

Hast du einen persönlichen Rat für diejenigen, die vorhaben, ihre Sachen zu verkaufen und denselben Weg zu gehen wie du?

Ich beende gerade ein Buch, der Autor ist so eine Art „Guru“ in der Digitale-Nomaden-Community: „Die 4-Stunden-Woche“ von Timothy Ferris. Ich denke, dieses Buch kann ein guter Start sein.

Es gibt eine Menge Ratschläge in diesem Buch – manchmal mag ich den Ton nicht so sehr, manchmal denke ich, er versucht es zu sehr – aber es gibt diese vielen Ratschläge, ganz besonders, was das Thema „Ruhestand“ angeht.

Es geht darum, dass man den Ruhestand anders betrachten sollte, als die Generation unserer Eltern es tut. Du musst dein Leben nicht so sehen, dass du 40 Jahre arbeitest und dann 20 Jahre tun kannst, was du möchtest. In genau diesen 20 Jahren wirst du alt und auch kränker. Das ist das Falsche an der Überlegung und auch genau der Punkt, der in dem Buch wirklich gut gemacht ist.

Ferris spricht nämlich von Mini-Ruheständen. Stell dir vor, du arbeitest länger, hast aber zwischendurch immer wieder kleine Mini-Ruhestände von zwei, drei Monaten. Und danach arbeitest du wieder um Geld zu verdienen. Du musst dir dein Leben dann nicht mehr in zwei großen Blöcken vorstellen. Das finde ich sehr, sehr interessant.

Man kann also gut mit diesem Buch starten. Darin gibt es auch Ratschläge für Unternehmer und Angestellte, wie sie sich von der 9-to-5-Arbeit „befreien“ können – er nennt es „Liberation“.

Eine andere Empfehlung, mehr technisch: Wenn du Auftraggeber hast, sorge dafür, dass du eine lokale Telefonnummer hast. Das geht ganz einfach mit VoIP (Voice over IP, Internet-Telefonie). Manche meiner Auftraggeber würden zum Beispiel keine rumänische Nummer anrufen, wenn sie über ihre Webseite reden wollen, das scheint zu kompliziert. Hast du eine lokale Nummer, erreichen dich deine Auftraggeber problemlos, egal, wo du bist. Das kostet nicht viel und ist sehr hilfreich.

KONTAKT ZU PIERRE-PHILIPPE? GIBT’S HIER:

Blog: globecodeur.com (bisher nur auf Französisch, bald aber auch in englischer Basic-Version)
E-Mail: pph[at]olstudio.co

Übrigens: Das Interview wurde auf Englisch geführt und ich habe am Ende alles übersetzt. Es handelt sich also um die deutsche Variante seiner Antworten. Wenn du Pierre-Philippe schreiben willst, dann auf Englisch oder Französisch.