Irgendwann machte mich ein Freund auf „Shore, Stein, Papier“ aufmerksam – und damit auf das erste YouTube-Format, dass mich sofort und ohne Ausnahme in den Bann gezogen hat. Weil es ehrlich ist, ohne Schnörkel und Show. Von dem Moment an hörte ich mir ein ganzes Leben an. Nämlich das von $ick.

Der sitzt am Küchentisch und erzählt, wie er mit 15 anfing Heroin zu rauchen und wie sein Leben als Junkie weiterging, mit dem ganzen Drumrum. Es geht um seine Freunde, um Einbrüche, den Unterschied zwischen „Hebeln“ und „Angeln“, den Knast, seine Kindheit, sein Elternhaus und wie eigentlich alles dazu kam, wie es war. 

Seines ist so anders als mein Leben – aber auf eine gewisse Art vertraut.
Auch in meiner Vergangenheit spielen Gefängnisse eine große Rolle. Als Tochter eines Justizvollzugsbeamten bin ich auf einem Gefängnisgelände aufgewachsen. Unser Haus mit der „Dienstwohnung“ stand zwischen Mauer und Zaun. Alles, was sich hinter der Mauer abspielte, blieb mir verborgen – nur hin und wieder unterbrochen durch knappe Erzählungen meines Vaters, den Signalton für den Einschluss, Ausbrüche (bzw. deren Versuche) oder dem ein oder anderen zurückgeworfenen Tennisball, wenn ich gegen die Mauer spielte und zu hoch schlug. Obwohl im geteilten Berlin geboren, war mir eine andere Mauer präsenter – die vor unserem Küchenfenster, mit Blick auf dahinterliegende Gitter. Und auch wenn es nur teilweise um „Knast“ geht – für mich haben seine 380 Folgen Lebensgeschichte den weißen Fleck gefüllt, der in meiner Kindheit hinter der Mauer anfing und zu dem ich natürlich keinen Zugang hatte.

Sie sei euch also ans Herz gelegt, diese Biographie-Serie des Channels zqnce. Die gerade jetzt, wo immer so viel hypet und hysterisch aufgeregt vor sich hingeilt, einfach mal authentisch ist. Echt und ehrlich. Und sicher haben $ick und sein Redaktions- und Produktionsteam mitunter auch deshalb den Grimme Online Award 2015 dafür bekommen. Mittlerweile ist die Sendung abgedreht, aber „Shore, Stein, Papier“ hört nicht auf. Mehr dazu im Interview.

Viel Spaß beim Lesen – und danach beim Anschauen!

Und du so?

Ich bin 43 Jahre alt, lebe in Osnabrück und bin Vater einer 12-jährigen.

Erzähl mal von „Shore, Stein, Papier“. Worum geht es da?

Seit meinem 13ten Lebensjahr konsumiere ich Cannabis und mit 15 Jahren kamen Heroin und später Kokain und einige andere Drogen dazu. Auf dem YouTube-Kanal zqnce erzähle ich in 380 Folgen von meinem Leben mit den Drogen und allem was dazugehörte. Heißt im Klartext: Ich war viermal in Haft, insgesamt knapp sieben Jahre. Habe zwei Langzeittherapien gemacht und war dreimal im Methadonprogramm.

Was bedeutet „Shore, Stein, Papier“?

Shore, Stein, Papier heißt in der Übersetzung: Heroin, Kokain, Scheine (Bargeld).

Wie kam es zu der Sendung?

Der Chef von zqnce ist seit dem Jahr 2000 einer meiner besten Freunde und kennt von daher meine Lebensgeschichte. Immer wieder, wenn ich etwas aus meiner Vergangenheit erzählte, war er erschrocken, amüsiert, abgeschreckt oder einfach nur gut unterhalten.

Und so fragte er mich Mitte 2012 ob ich meine Geschichte nicht vor der Kamera einem breiteren Publikum erzählen möchte. Er hatte mich schon 2007 dazu ermutigt die Story in einem Blog namens „Diary of a thug“ aufzuschreiben. Schon damals hatte ich einige tausend Leser und so sagte ich ohne zu zögern zu.

Fast drei Jahre haben die Aufnahmen gedauert, wenn ich richtigliege – wie fühlt sich das an, wenn man „zuende erzählt“ hat?

Im Grunde ganz gut, da es streckenweise sehr anstrengend war jeden Stock und jeden Stein in meiner Vergangenheit umzudrehen. Obwohl ich längst nicht alles und nicht bis zum heutigen Tag erzählt habe. Die Videos enden mit der Geburt meiner Tochter, also vor gut 12 jahren.

Sick raucht am Küschentisch

„Erzählungen aus einem Leben inmitten von Frühstücksblech und Affen, Kokarausch und Wahn, Beschaffungskriminalität und Drogendeals, Knastschlägerei und Flucht.“| © zqnce

Hat man zwischendurch nicht den Gedanken: Was geht euch das alle an? Wieso mach ich das?

Nein, dieser Gedanke ist nie aufgekommen. Denn das Erzählen hatte irgendwie eine reinigende Wirkung auf mich.

Was die Serie mit den Zuschauern macht, kann ja jeder für sich selbst entscheiden. Aber was hat sie mit dir gemacht?

Wie gesagt, es fühlte sich reinigend an und es tat mir ziemlich gut, mal all den Müll loszuwerden, der mir jahrelang schwer auf der Seele lag. Allerdings, nach dem Erzählen der dritten Staffel – meiner schlimmste Drogenzeit, in der ich Kokain spritzte wie ein Wahnsinniger – bekam ich eine schwere Depression und war fast nicht mehr in der Lage, mich weiter vor die Kamera zu setzen. Ich hatte diese Phase meines Lebens bis dahin erfolgreich verdrängt.

Aber mein Produzent, der übrigens auch ein sehr guter Freund von mir ist, lies mir die Luft und den Freiraum, mich um dieses Problem zu kümmern, und so war ich schon bald wieder über den Berg und weiter ging’s.

Ich wollte auch nicht aufgeben, irgendwie war es mir selbst sehr wichtig, dieses Projekt zu Ende zu bringen. Und heute bin ich sehr froh darüber, dass ich es durchgezogen habe, denn dadurch haben sich neue Türen für mich und mein Team geöffnet.

Hattest du durch das Erzählen mal Probleme – z. B. mit Leuten, die in deinem Leben vorkamen?

Im Grunde nicht. Die meisten, die ich durch Shore, Stein, Papier wiedergetroffen habe, oder mit denen ich sonstwie wieder in Kontakt bin, freuen sich für mich.
Ich wollte ja auch niemandem damit auf die Füße treten. Ich erzähle einfach nur meine Geschichte und ja, die Menschen die ich kenne, gehören einfach dazu.

Was sind deine Pläne? Kommt nach „Shore, Stein, Papier“ noch mehr von dir?

Ja, es geht weiter nach Shore, Stein, Papier. Ich schreibe gerade an dem Buch zur Videoserie und mit meinem Produzenten habe ich schon die ersten Präventionsarbeiten an Schulen geleistet. Was mir übrigens großen Spaß macht, weil ich das Gefühl habe, etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben! :-D

Sick erzählt am Küschentisch

$ick erzählt in mehreren hundert Folgen aus seinem Leben | © zqnce

Wie lebst du jetzt? Gibt eine Sucht irgendwann mal Ruhe?

Nein, das wird sie mit Sicherheit nicht. Sucht ist eine Lebensdiagnose, man kann nur lernen damit umzugehen. Und dieser Lernprozess hört erst auf, wenn man in der Grube liegt. Aber ich geb mir Mühe und arbeite jeden Tag an mir und meinem Problem. Durch das Projekt hab ich aber mittlerweile auch genügend Abstand gewonnen und bin sehr gerne nüchtern. Heute fühlt sich das gut und richtig an!

Man weiß deinen bürgerlichen Namen nicht, weiß nicht, wo du lebst – wie kann man zu dir Kontakt aufnehmen?

$ick ist doch ein passender Name für mich und das Projekt. Keiner braucht meinen echten Namen, um meine Geschichte mitfühlen zu können. Und klar, Interessierte dürfen sehr gerne Kontakt zu mir aufnehmen. Am liebsten über meine Redaktion. Ich bin immer bereit zu helfen, wenn ich kann.

Erste Folge schauen?

Shore, Stein, Papier auf

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PS: Das Team von zqnce kommt bald mit etwas Neuem um die Ecke. Es wird wieder eine Biographie-Serie und sie trägt den Titel „Komm, lieber Tod“. Bleibt dran!